DAS LEBEN VON
AMANDA WICHERN

12. September 1810 – 7. Mai 1888

Geboren als Amanda Böhme. Hausmutter des Rauhen Hauses. Mutter von 9 Kindern. Leiterin einer sozialen Institution. Vergessen für 135 Jahre.

1810

Geburt in Hamburg

Am 12. September 1810 wird Amanda Böhme in Hamburg geboren. Ihr Vater ist Direktor einer Feuerversicherungsgesellschaft – die Familie gehört zum gebildeten Bürgertum. Sie ist Nachfahrin des Philosophen Jakob Böhme (1575-1624).

Eine privilegierte Kindheit in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs.

1823

Der Tod der Mutter – mit 13 Jahren

Amanda ist 13 Jahre alt, als ihre Mutter stirbt. Von einem Tag auf den anderen wird sie zur "zweiten Mutter" ihrer jüngeren Geschwister. Sie übernimmt Verantwortung, organisiert den Haushalt, erzieht.

Dieser frühe Verlust prägt sie: Sie lernt früh, Verantwortung zu tragen – und ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

1830er

Sonntagsschullehrerin in St. Georg

Als junge Frau arbeitet Amanda als Sonntagsschullehrerin an der St. Georg Kirche in Hamburg. Hier lernt sie Johann Hinrich Wichern kennen, der ebenfalls in der Sonntagsschulbewegung aktiv ist.

Sie ist keine "naive junge Frau" – sie ist eine engagierte, gebildete Pädagogin mit klaren Überzeugungen.

1835

Hochzeit und Beginn im Rauhen Haus

Am 29. Oktober 1835 heiratet Amanda Böhme Johann Hinrich Wichern. Die Hochzeit findet im Rauhen Haus statt – dem Ort, der ihr Leben bestimmen wird. Sie ist 25 Jahre alt.

Von Anfang an ist klar: Sie ist nicht nur "Ehefrau". Sie ist Mitarbeiterin Nummer eins, Hausmutter, Mitgründerin der Institution.

1836

Das erste Kind: Caroline

1836 wird ihre erste Tochter Caroline geboren (sie wird später Musiklehrerin und lebt von 1836-1906). Es ist der Beginn einer Zeit, in der Amanda parallel ihre eigenen Kinder großzieht UND das Rauhe Haus führt.

1836-1852

9 Kinder geboren – 1 im Säuglingsalter verloren

In diesen Jahren bekommt Amanda 9 Kinder. Ein Kind stirbt im Säuglingsalter. Die anderen 8 wachsen auf – darunter Elisabeth, Johannes (1845-1914, der später das Rauhe Haus übernimmt), und weitere Kinder.

Parallel dazu: Sie leitet das Rauhe Haus, betreut Dutzende Zöglinge, managt Finanzen, schlichtet Konflikte zwischen den "Brüdern" (Erziehern).

Ihr Mann ist oft monatelang auf Reisen – bis zu 200 Tage pro Jahr. In dieser Zeit ist SIE die Chefin.

1837-1857

Die Briefe – ein Fenster in ihr Leben

Aus dieser Zeit stammen die erhaltenen Briefe zwischen Amanda und Johann Hinrich. Von seinen ~200 Briefen sind viele erhalten. Von ihren hunderten Briefen nur 30 – 1 aus 1842, 1 aus 1843, und 28 aus den Jahren 1852-1857.

In diesen Briefen wird sichtbar: Sie geht bis an ihre Grenzen. Sie ist erschöpft, überlastet, verzweifelt. Aber sie hält durch. Immer.

1856/57

Umzug nach Berlin – die Familie wird getrennt

1856 oder 1857 zieht Amanda mit zwei Töchtern nach Berlin, wo ihr Mann neue Aufgaben übernimmt. Die anderen Kinder bleiben in Hamburg beim Rauhen Haus.

Eine schwere Entscheidung: Die Familie wird räumlich getrennt, weil die "Arbeit" es verlangt.

1873

Ihr Sohn übernimmt das Rauhe Haus

Johannes Wichern (geb. 1845) übernimmt 1873 die Leitung des Rauhen Hauses von seinem Vater. Er wird die Institution bis 1914 führen – und später die Briefe seiner Eltern herausgeben (allerdings zensiert).

1866-1881

7 Jahre Pflege ihres kranken Mannes

Johann Hinrich Wichern erleidet mehrere Schlaganfälle. Ab 1866 ist er schwer krank. Amanda pflegt ihn – 7 Jahre lang, bis zu seinem Tod am 7. April 1881.

Sie ist 56 Jahre alt, als die Pflege beginnt. Sie ist 71, als er stirbt. Wieder ist es Amanda, die die Last trägt.

1881

Tod ihres Mannes – endlich Anerkennung?

Am 7. April 1881 stirbt Johann Hinrich Wichern. Deutschland trauert um den "Begründer der Inneren Mission". Nachrufe würdigen sein Lebenswerk.

Amanda wird in den meisten Nachrufen nicht erwähnt. Sie war "nur die Ehefrau".

1886

Erblindung

1886, zwei Jahre vor ihrem Tod, erblindet Amanda. Nach einem Leben voller Arbeit, Verantwortung, Erschöpfung verliert sie ihr Augenlicht.

1888

Tod in Hamburg – vergessen für 135 Jahre

Am 7. Mai 1888 stirbt Amanda Wichern in Hamburg, 77 Jahre alt. Sie wird neben ihrem Mann auf dem Alten Hammer Friedhof in Hamburg beigesetzt.

Es dauert 135 Jahre, bis ihre Geschichte erzählt wird. Erst 2023 werden ihre Briefe veröffentlicht. Erst jetzt wird sie als das gewürdigt, was sie war: Mitbegründerin der deutschen Diakonie.

Ein Leben in Zahlen

77 Jahre gelebt (1810-1888)
13 Jahre alt beim Tod der Mutter
25 Jahre alt bei der Hochzeit
9 Kinder geboren, 1 im Säuglingsalter verloren
Über 20 Jahre Leitung des Rauhen Hauses (während der Abwesenheit ihres Mannes)
Bis zu 200 Tage pro Jahr war ihr Mann auf Reisen – sie führte allein
7 Jahre pflegte sie ihren kranken Mann (1866-1881)
Nur 30 Briefe von ihr sind erhalten (von hunderten)
135 Jahre dauerte es, bis ihre Briefe veröffentlicht wurden
2023 – zum ersten Mal wird sie offiziell als "Mitbegründerin" anerkannt

Was bleibt?

Amanda Wichern hinterlässt kein monumentales Werk, keine großen Schriften, keine öffentlichen Reden. Was bleibt, sind 30 Briefe, ein paar Zeilen in Familienchroniken, Erwähnungen in den Briefen ihres Mannes.

Aber was wirklich bleibt, ist ihre Leistung: Sie hat das Rauhe Haus mitaufgebaut und über Jahrzehnte geführt. Sie hat eine Institution geschaffen, die bis heute existiert.

Ohne sie wäre nichts davon möglich gewesen.