1810 – 1888
Sie führte das Rauhe Haus. Sie erzog 9 Kinder. Sie leitete Dutzende Mitarbeiter.
Sie schuf die Grundlagen der deutschen Diakonie.
Ihre Geschichte wurde 135 Jahre lang verschwiegen.
Die systematische Auslöschung weiblicher Geschichte
Während ihr Mann Johann Hinrich Wichern durch Deutschland reiste und als "Begründer der Inneren Mission"
gefeiert wurde, führte Amanda das Rauhe Haus. Sie managte den Alltag, schlichtete Konflikte,
verwaltete Finanzen, empfing Förderer, traf Entscheidungen. Sie war die eigentliche Leiterin.
Doch in den Geschichtsbüchern kam sie nicht vor. Ihre Briefe galten als "unwichtig".
Ihre Arbeit als "selbstverständlich". Ihre Leistung als "Unterstützung".
135 Jahre hat es gedauert, bis ihre Geschichte erzählt wurde.
Eine unvollständige Liste
Über 20 Jahre leitete sie das Rauhe Haus während der häufigen Abwesenheit ihres Mannes. Sie war nicht "Stellvertreterin" – sie war die Chefin.
9 Kinder geboren. 1 Kind im Säuglingsalter verloren. 8 Kinder großgezogen – parallel zur Leitung einer wachsenden sozialen Institution mit Dutzenden Zöglingen.
Sie schlichtete Konflikte zwischen den "Brüdern" (Erziehern), löste Krisen, hielt die Gemeinschaft zusammen. Tag für Tag. Jahr für Jahr.
Sie verwaltete die Finanzen des Rauhen Hauses, organisierte den Haushalt, plante Mahlzeiten für Dutzende Menschen. Ohne sie hätte die Institution nicht funktioniert.
Als Gastgeberin empfing sie Besucher, Förderer, Politiker. Sie repräsentierte das Rauhe Haus nach außen – besonders während der Abwesenheit ihres Mannes.
Mit 13 Jahren verlor sie ihre Mutter und musste ihre Geschwister erziehen. Mit 56 Jahren begann sie, ihren schwerkranken Mann zu pflegen – 7 Jahre lang, bis zu seinem Tod.
Nur 30 ihrer Briefe sind erhalten. Hunderte gingen verloren, weil sie als "unwichtig" galten. 1901 wurden ihre Briefe nicht einmal erwähnt. Erst 2023 wurden sie veröffentlicht.
In ihren wenigen erhaltenen Briefen wird spürbar: Sie ging bis an ihre Grenzen. Aber sie klagte nie. Sie hielt durch. Immer.
Ohne sie wären Wicherns Wirken insgesamt und seine Reisetätigkeit
im Besonderen schlechterdings nicht möglich gewesen.
Amanda Wichern steht für tausende Frauen, die Geschichte gemacht haben – und vergessen wurden.
Frauen, deren Arbeit als "selbstverständlich" galt. Deren Briefe verloren gingen.
Deren Namen aus den Geschichtsbüchern getilgt wurden.
Es ist Zeit, ihre Geschichten zu erzählen.